Industrie 4.0: Wie finde ich die richtige Strategie für mein Unternehmen?

Teil 4:

Vollintegrierte, durchgängige Prozesse (Wachstumshorizont 2)

Industrie 4.0 ist seit mehreren Jahren ein Top Management Thema – dennoch scheint in Unternehmen noch eine größere Unsicherheit darüber zu herrschen, wie sie ihr Industrie 4.0 Potenzial heben und in eine Strategie umsetzen können.

Und dabei ist eine Industrie 4.0 – Strategie und deren konsequente Vernetzung mit der Unternehmensstrategie (oder die Ausrichtung der Unternehmensstrategie auf Industrie 4.0) meist eine notwendige Voraussetzung für den zukünftigen Erfolg. Denn Industrie 4.0 verlangt den Unternehmen zunächst einmal erhebliche Investitionen und den Aufbau neuer digitaler Kompetenzen ab, die dann auch häufig mit einer Reorganisation verbunden sind. Und oftmals ist es sogar sinnvoll, zunächst ein Effizienzsteigerungsprogramm durchzuführen, um die notwendigen finanziellen Freiräume zu schaffen.

Bei der Strategiefindung hat es sich bewährt, auf klassische Ansätze, wie dem der nachfolgend skizzierten „3 Wachstumshorizonte“, zurückzugreifen. Dadurch kann viel Klarheit in die Diskussion gebracht werden, und man erkennt sehr leicht, ob die derzeitige Diskussion wirklich schon das gesamte Industrie 4.0 Potenzial für das Unternehmen ausschöpft.

 

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Ziel im zweiten Wachstumshorizont ist oft eine Entwicklung neuer Dienstleistungs- und Bezahlfunktionen durch eine Adaptierung bestehender Geschäftsprozesse. Wie diese aussehen könnten, soll im Nachfolgenden exemplarisch am Beispiel eines variantenreichen Maschinenbauers beschrieben werden (Geschäftsprozesse Engineered, Standard mit Modifikationen).

Automatisierungstechnik ist im Maschinenbau seit längerer Zeit ein wichtiger Faktor. Und dabei geht es nicht vorrangig um die Automatisierung der Fertigung, sondern um Produktinnovationen, z. B. um intelligente Zusatzfunktionen aus der Mess- und Reglungstechnik und der Kommunikation (lokale Intelligenz der Produkte). Nehmen wir als Beispiel eine Pumpe, die durch eine Automatisierung von einem ungeregelten zu einem geregelten Produkt wird (z.B. Steuerung der Pumpenleistung in Abhängigkeit von Parametern, Kommunikation mehrerer Pumpen untereinander, preventive Maintenance durch „Ausfallwarnsensoren“). Technisch interessant, nur die Kunden wollten den Entwicklungsaufwand der Maschinenbauer nicht bezahlen. Der Verkäufer saß immer noch dem Einkäufer gegenüber und der wollte seine Beschaffungsumfänge günstiger und nicht teurer gestalten. So blieb der Maschinenbauer erst einmal auf einem dreistelligen Millionenbetrag „sitzen“.

Der Durchbruch wurde erst zehn Jahre später im Rahmen eines internen „Business Incubators“ erzielt, als das Geschäftsmodel radikal neu erfunden wurde – im Bereich der preventive Maintenance. Anstelle eines „Zusatzkastens“ mit einer Vielzahl an Sensoren und Steuerungselektronik, der oft teurer angeboten wurde als die Pumpe selbst, wurde der „Zusatzkasten“ durch eine mobile App ersetzt, die man kostenlos zur Verfügung stellte. Der aussagekräftigste Sensor war nämlich das Mikrofon. Durch eine Auswertung des Lüftergeräusches des Motors können schon relativ präzise Aussagen über den Betriebszustand getroffen werden. Und jedes Mobiltelefon hat genau diesen Sensor.

Das Geschäftsmodell heißt jetzt nicht mehr „Verkaufe Zusatzkasten“, sondern generiere einen kostenlosen Zusatznutzen, bekomme dafür vom Kunden verkaufsrelevante Informationen (wo steht welche Pumpe, wie wird diese betrieben, wann muss die ersetzt werden, welcher Ersatzteilbedarf besteht, …) und leite diese Informationen zielgerichtet an das nächste Vertriebshaus. Die App funktioniert übrigens auch bei Produkten der Konkurrenz …

 

Gastbeitrag von Prof. Dr. Christian Bayer, Hochschule Aalen

 

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